
Wenn Stärke zur Erwartung wird
Wenn Stärke zur Erwartung wird
Warum ich besonders gerne mehrfach marginalisierte Menschen begleite
Es gibt eine Art von Stärke,
die nicht gefeiert wird.
Sondern erwartet.
Die Stärke, Haltung zu bewahren,
während innen längst alles zittert.
Die Stärke, freundlich zu bleiben,
obwohl Grenzen überschritten wurden.
Die Stärke, sich selbst zu regulieren,
damit andere sich nicht regulieren müssen.
Und irgendwann passiert etwas Gefährliches:
Menschen beginnen zu glauben,
dass genau jene, die am meisten tragen,
am wenigsten Unterstützung brauchen.
Als afrodeutsche lesbische Frau kenne ich dieses Prinzip gut.
Dieses subtile Lesen eines Raumes.
Dieses permanente Mitdenken.
Dieses Vorausregulieren.
Nicht zu laut.
Nicht zu emotional.
Nicht zu unbequem.
Nicht zu wütend.
Besonders sichtbar wird das für mich bei mehrfach marginalisierten Frauen, Müttern und Töchtern.
Dort, wo Anpassung oft früh beginnt.
Wo Bedürfnisse zurückgestellt, Emotionen kontrolliert und Belastungen still getragen werden.
Nicht einmal bewusst.
Sondern über Generationen gelernt.
Wie viel Raum darf eingenommen werden?
Wie erschöpft darf jemand sein?
Wie sichtbar?
Wie direkt?
Und wenn zu Sexismus noch Rassismus, Klassismus, Queerfeindlichkeit oder andere Formen struktureller Abwertung hinzukommen,
wird aus Anpassung irgendwann ein permanenter innerer Alarmzustand.
Viele lernen früh,
sich selbst zurückzunehmen, bevor andere es tun.
Nicht aufzufallen.
Nicht zur Last zu werden.
Nicht noch mehr Angriffsfläche zu bieten.
Und genau darin liegt etwas zutiefst Tragisches:
Dass gesellschaftlich erzeugte Überforderung irgendwann nicht mehr als Belastung erkannt wird -
sondern als Persönlichkeit.
Oder schlimmer noch -
als Stärke.
Und ehrlich?
Ich bin müde davon, so zu tun,
als wäre das nur ein Missverständnis.
Es ist strukturell.
Critical Whiteness beschreibt diese Mechanismen seit Jahren -
und trotzdem reagieren viele Menschen noch immer irritiert,
sobald Marginalisierung nicht länger um weiße Perspektiven kreist.
Was mich inzwischen wirklich wütend macht,
ist diese Verdrehung,
in der jede Benennung struktureller Ungleichheit plötzlich zu „umgekehrter Diskriminierung“ geformt wird.
Als wäre es ein Angriff,
wenn einmal nicht weiße Befindlichkeiten Mittelpunkt eines Gesprächs sind.
Das ist keine Diskriminierung.
Das ist Irritation darüber,
nicht permanent mitgemeint zu sein.
Deshalb begleite ich besonders gerne mehrfach marginalisierte Menschen.
Nicht aus Exklusivität.
Sondern aus Erfahrung.
Weil ich weiß, wie selten Räume sind,
in denen nichts erklärt werden muss.
Räume, in denen Erschöpfung nicht erst bewiesen werden muss.
In denen Stärke nicht automatisch bedeutet,
alles alleine tragen zu sollen, zu müssen.
Und genau darin sehe ich meine Arbeit -
nicht Menschen resilienter für kaputte Strukturen zu machen.
Sondern Räume zu schaffen,
in denen die Rüstung kurz abgelegt werden darf.
Und ja - während ich das schreibe,
spüre ich bereits diesen inneren Reflex,
die eigene Wut wieder „angenehm“ formulieren zu wollen.
Interessant, oder?
Wie tief Selbstregulation sitzt, auch bei mir,
wenn Zugehörigkeit so oft an Anpassung geknüpft war.
Aber nein.
Heute nicht.
Heute darf diese Wut sichtbar sein.
Klar.
Wach.
Und vollkommen berechtigt.
Du bist nicht zu viel.
Vielleicht nur zu lange damit beschäftigt gewesen,
für andere angenehm zu bleiben.
Alles Liebe,
Mo
Angela Mohaupt |- Coachin & psychologische Beraterin
Begleitung mit Haltung – für Wandel, Verbindung & innere Klarheit
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